Drunk With Love

Times have changed...die Zeiten haben sich geändert

Als wir das Lila Lied zum ersten Mal hörten, war uns sofort klar, dass wir hier etwas ganz Besonderes gefunden hatten: Die erste schwul-lesbische Hymne der Welt, geschrieben 1920 in Berlin.

Um die Bedeutung dieses Liedes besser einordnen zu können, begannen wir unsere Recherche zum Thema 'Queer Movement in der Zwischenkriegszeit' – ohne zu ahnen, auf welche Schätze wir noch stoßen würden. Natürlich kannten wir den Topos der wilden 1920er Jahre, aber was wir schließlich fanden, war mehr als beeindruckend und überraschend. Wir fanden eine blühende queere Kultur mit Künstler*innen, Autor*innen und Wissenschaftler*innen, eine selbstbewusste Community die eine eigene Identität und stellenweise sogar einen Platz in der Gesellschaft hatte.

Obwohl einige Mitglieder unserer Band selbst zur LGBTQ-Community zählen, beschränkte sich unser Wissen bezüglich Queer History hauptsächlich auf die Stonewall Riots von 1969 mit darauffolgendem Gay Liberation Movement. So kannten wir fast nur Geschichten über Unterdrückung, Not und Leid in der Zeit vor Stonewall. Angesichts der nur kurzen Zeit des Aufblühens queerer Lebensart zwischen den beiden Weltkriegen erscheint diese Unkenntnis allerdings etwas weniger verwunderlich: In Deutschland kam es durch den Nationalsozialismus zu einem brutalen Ende mit noch jahrzehntelangen Auswirkungen nach dem Zweiten Weltkrieg. In den USA sorgte ein zunehmend konservatives Klima ab den frühen 1930er Jahren für das erneute Verschwinden der Szene in den Untergrund und es dauerte mehr als dreißig, Jahre bis es schließlich zum Ausbruch der modernen Bewegung kam.

Vor diesem Hintergrund begannen wir, Texte über das damalige Leben von queeren Musiker*innen und Interpret*innen zu lesen. Wir entdeckten hoch ambitionierte Menschen, die diese Biographien sehr detailliert und mit viel Engagement verfasst hatten. Leider sind diese wertvollen Arbeiten oft nur einem kleinen Kreis Interessierter bekannt und das Wissen über die queere Musikszene jener Zeit gering. Deshalb fassten wir den Entschluss, an diese Persönlichkeiten und ihre wunderbare Musik zu erinnern. Ihre einzigartigen Lebensgeschichten zeigen, wie unterschiedlich queere Menschen in einer Zeit lebten, als Toleranz und Diskriminierung sich in permanentem Kampf um die dominierende Stellung befanden. Unter dem Aspekt heutiger Standards übersieht man leicht die Bedeutung, die auch in scheinbar wenig spektakulären Details steckt. Im Kontext der Zeit wird aber schnell klar, welche Tragweite auch kleinere Aktionen oder auch nur wenige Textzeilen eines Liedes hatten und auslösen konnten.

Im späten 19. Jahrhundert hatten Forscher erstmals begonnen, sich mit modernen wissenschaftlichen Methoden mit dem Thema Sexualität zu beschäftigen. Darauf gründet noch heute unser Verständnis von Sexualität und Geschlecht. Es wurden neue Begriffe geschaffen, die den Menschen zum ersten Mal ermöglichten, ihre Gefühle und das Empfinden der eigenen Identität in Worte zu fassen. So war es möglich geworden, Erfahrungen auszutauschen und Gemeinsamkeiten zu finden. 

Die Kunstform des Drag hatte ihre Wurzeln in der Ballkultur der 1920er Jahre und entwickelte sich vor allem in größeren amerikanischen Städten und im Music Hall Circuit in England. Während dieser Zeit wurden auch die ersten Gruppen für LGBTQ-Rechte gegründet und begannen zu wachsen. Queere Autor*innen, Journalist*innen, Künstler*innen, Musiker*innen und Politiker*innen trugen das queere Leben in viele Aspekte des öffentlichen Lebens. Die LGBTQ-Community war nun in einem gewissem Rahmen präsent und die Gesellschaft konnte ihre Existenz nicht länger leugnen. Sie war gezwungen, ihre Sichtweise darauf zu ändern, bzw. Stellung zu beziehen. Es waren zwar keineswegs rosige Zeiten für queere Menschen, aber es war nicht mehr möglich, sie auszublenden, zum Schweigen zu bringen, wegzusperren oder Schlimmeres. Sichtbarkeit verändert alles!

Diese Veränderungen mündeten schließlich in eine Bewegung, die schon bald in den größeren Städten Europas und der USA an Dynamik gewann. Das Gefühl des „Anything Goes“, dass nun alles möglich war, bestimmte die herrschende Atmosphäre, obwohl die jeweilige Ausprägung an den verschiedenen Orten meist sehr unterschiedlich war. 

Die Menschen sehnten sich nach Freiheit und weniger konservativen Regeln. Frauen hatten nicht nur die engen Korsetts satt und damit auch die lange Röcke und strengen Frisuren, sondern auch die Art von Leben, das traditionell von den Männern um sie herum bestimmt wurde. Diese selbstbewussten sogenannten "Flapper" schnitten sich die Haare ab, trugen kurze und luftige Kleider knapp über dem Knie, standen zu ihrer eigenen Sexualität, lebten diese aus und führten ein wildes Partyleben. 

Die Prohibition, also das Verbot Alkohol zu trinken, führte in den USA dazu, dass Mitglieder aus allen Teilen der Gesellschaft zusammengeworfen und wie ein Cocktail aus verschiedenen Kulturen wieder ausgegossen wurden. Alle waren auf der Suche nach dem verbotenen Genussmittel und fanden es ausnahmslos in „Speakeasies“, den versteckten Flüsterkneipen in unterirdischen Bars und Hinterzimmern. Dort wurde – vor dem Auge des Gesetzes verborgen – Alkohol verkauft und farbenfrohe Abendunterhaltung angeboten. Diese Orte waren der Geburtsort vieler neuer Tänze, neuer Musikgenres und neuer Arten von Shows. Zuvor hatte sich die öffentliche Wahrnehmung schwuler Männer auf ihr Erscheinen bei Drag-Bällen beschränkt und das lesbische Leben eher auf private Salons für Frauen der Oberschicht. Das Alkoholverbot bewirkte nun, dass die queere Kultur für die Mittel- und Arbeiterklasse sichtbar wurde mit dem Ergebnis des sogenannten „Pansy Craze“, der von etwa 1930 bis 1933 andauerte („Pansy“, Stiefmütterchen, war damals die etwas spöttische Bezeichnung für feminin auftretende Männer.) Die Drag-Shows, die als heißeste Performances der Stadt galten, waren bis zu deren Verbot immens populär. Die Verschärfung der Zensur im Jahr 1933, auch als Hays Code bekannt, verbot jegliche sympathische Darstellung von Homosexualität auf Bühne und Leinwand und beendete schnell jede Art der neu gewonnenen Freiheit.

In Deutschland bot mit dem Beginn der Weimarer Republik vor allem Berlin die Bühne für die Entwicklung einer selbstbewussten queeren Bewegung. Weiter unten ist dies ausführlich im Abschnitt „Das Lila Lied“ beschrieben.

Wir begannen unsere Recherche zunächst mit der Lektüre sämtlicher Bücher, derer wir habhaft werden konnten. Später reisten wir auch nach London, Berlin und Los Angeles, um Archive, Museen, Gräber und andere bedeutende historische Orte zu besuchen. So z. B. die Gräber von Gladys Bentley und Ella Shields, das Haus von Bruz Fletcher in Hollywood, den Venice Pier, wo Gene Malin mit seinem Auto ins Meer gestürzt war und Gebäude, in denen einst die schillerndsten Drag-Shows stattgefunden hatten.

Unterwegs trafen wir äußerst engagierte Menschen – darunter auch Personen, die Biographien über unsere musikalischen Vorbilder geschrieben hatten. Sie konnten uns viele Informationen liefern und teilweise sogar helfen, ganze Notensammlungen in die Hände zu bekommen. Unsere anfängliche Sorge, eine ganze CD evtl. gar nicht füllen zu können, wurde sehr schnell zerstreut. Wir könnten leicht zehn CDs mit Songs füllen, die auf die eine oder andere Weise für die queere Community der damaligen Zeit von Bedeutung waren. Wir haben schließlich für diese CD eine Handvoll Stücke ausgewählt, in die wir uns besonders verliebt haben.

Nach einem Jahr der Recherche und des Arrangierens von Stücken packten wir unsere Koffer und brachten das gesamte Projekt im Januar 2020 ins Studio. Wir luden dazu zwei wunderbare Gastmusiker ein, Christoph Pelgen und Fio Krauss, die mit ihrer außergewöhnlich stimmigen Begleitung auf Saxophon, Violine und Strohvioline unserem Projekt noch das Sahnehäubchen aufsetzten. Das gewisse Extra ist zusätzlich die Tatsache, dass die meisten unserer Instrumente so alt sind wie die Songs selbst.

Bevor wir unsere Einführung abschließen, möchten wir noch einen kurzen Hinweis geben: Wir sind keine Historiker*innen, sondern Musiker*innen. Wir fühlen uns diesem Thema sehr verpflichtet, können jedoch lediglich einen eingeschränkten Einblick in die historischen Ereignisse und das Leben unserer Künstler*innen geben. 

Obwohl wir einige Primärquellen in verschiedenen Archiven einsehen konnten, bezogen wir den größten Teil unserer Informationen von einer Handvoll leidenschaftlicher Menschen, die ihr Wissen im Laufe der Jahre gesammelt und veröffentlicht haben. Wir wollen ihre Forschung und wertvolle Arbeit in keiner Weise als unsere eigene ausgeben – im Gegenteil! Wir möchten ihre Arbeit genauso hervorheben wie die der Künstler*innen und jede*n ermutigen, ihre Websites zu besuchen und ihre Veröffentlichungen zu kaufen.

Wir verwenden das Wort „queer“ als Überbegriff, der von der LGBTQ-Community benutzt wird, um alle zu beschreiben, die nicht heterosexuell oder cisgender sind. Wir haben uns dafür entschieden, die moderne Abkürzung LGBTQ in unserem Text konsequent zu verwenden, obwohl sie zu der Zeit, von der wir sprechen, noch nicht existierte. Es ist ein Überbegriff, der dieselben Gemeinschaften wie LGBT, LGBT+, LGBTI und LGBTQIA umfasst.

Wir haben unser Bestes getan, um uns über die richtige und angemessene Sprache zu informieren. Wir freuen uns über Hinweise, falls wir Fehler gemacht haben und lernen gerne dazu.

Die von uns hervorgehobenen Künstler*innen zeigen ein breites Spektrum von Gender. Dennoch ist der Großteil davon auf unserer CD männlich und entspricht damit mehrheitlich dem Verhältnis der damals sichtbaren queeren Bewegung und besonders der Songwriting-Industrie. Nachdem wir die Arbeit im Studio beendet hatten, forschten wir weiter und fanden noch mehr Songs, die von Frauen geschrieben oder aufgeführt worden waren. Diese Stücke werden wir in das Konzertprogramm dieser CD aufnehmen. Wenn wir im letzten Jahr auch nur irgend etwas gelernt haben, dann ist es die Erkenntnis, dass es noch so viel mehr zu entdecken und noch viel mehr Songs zu spielen gibt. 

Dieses CD-Begleitheft hat zum Ziel, Hintergrundinformationen zu den Komponist*innen oder den zugehörigen Interpret*innen zu geben. Darüber hinaus sind wir davon überzeugt, dass die Stücke auch ohne Kenntnis des historischen Kontexts ein Genuss sind und es verdienen, gehört zu werden. Tanzen wir also zu den Songs, lernen wir aus ihren Geschichten und lassen wir uns von ihrer Kraft und Kreativität inspirieren!

Über Fragen oder Kommentare freuen wir uns sehr. 

Alles Liebe von den Mäusen

 

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